Spiel- und Kinderstädte

„Als ‚Spielstadt‘ inszeniert ist das Thema Stadt das einer reduzierten probeweisen Totalität auf Widerruf und irgendwann auch wieder vorbei. Darin aufgehoben sind politische, soziale, kulturelle, ästhetische, ökologische und ökonomische Elemente und Zusammenhänge – im Fokus Stadt unisoliert voneinander, trotzdem in ihren Erscheinungsformen und Differenzen genau wahrnehmbar und identifizierbar. Dies scheint uns für pädagogische Absichten, die Wissen und Handeln nicht voneinander trennen wollen und das Freiheitspostulat im Phänomen Spiel ernst zu nehmen versuchen, der entscheidende Gewinn, die bedeutungsvolle Legitimation des Themas ‚Stadt‘.“ (Grüneisl, Zacharias, 1989, S. 40)

Seit den 1970er-Jahren werden in verschiedenen Städten Deutschlands und Österreichs sogenannte Kinderstädte durchgeführt. Gemeinsam ist ihnen ihre pädagogische Inszenierung sowie ihre zeitliche Begrenzung, die zumeist auf Ferienzeiträume beschränkt ist. Sie erzeugen eine eigene Wirklichkeit im Spannungsfeld zwischen fiktiven Spielelementen und klaren Bezügen zur realen Welt. Innerhalb dieses Rahmens können Kinder vielfältige Erfahrungen machen, die sich aus sowohl geplanten als auch ungeplanten Ereignissen ergeben.
Viele der hier genannten Kinderstädte verstehen sich unter anderem als Gegenentwurf zur Überschaubarkeit schulischer Lernsettings mit ihrem festen Fächerkanon sowie zu eher linear didaktisch angelegten Lernsituationen mit klar definierten Lernzielen. Zugleich werden sie häufig als Räume politischer und kultureller Bildung konzipiert und mehrheitlich der Offenen Kinder- und Jugendarbeit zugeordnet.
Demgegenüber entstanden die ersten Kinderrepubliken Ende des 19. und zu Beginn des 20. Jahrhunderts vornehmlich im Kontext der Heimerziehung (u.a. George, 1909 Junior Republic). Ausgehend von der republikanischen Idee, dass Menschen grundsätzlich fähig seien, sich selbst zu regieren, wurde dieser Ansatz auch auf Kinder und Jugendliche übertragen, um ihnen ein Leben in weitgehender Eigenverantwortung zu ermöglichen.
Bereits in den 1950er-Jahren, verstärkt jedoch seit den 1970er- und 1980er-Jahren, entwickelten sich weltweit populäre, teils großflächige Freizeit- und Themenparks unter der Bezeichnung „Stadt der Kinder“, die als kommerzielle Unternehmungen teilweise sehr erfolgreich waren und bis heute sind. Ihrem Wesen nach erinnern sie an das verbreitete Konzept von Disneyland, das primär als Ort konsumorientierter Erlebnisangebote verstanden werden kann.
Von diesen Ansätzen unterscheidet sich das ebenfalls als Kinderstadt bezeichnete Konzept von Francesco Tonucci (2002) deutlich. Es bezieht sich radikal auf die reale Stadt und sieht die politische Mitbestimmung aller Kinder in allen sie betreffenden Angelegenheiten vor. Im Zentrum steht insbesondere das Recht der Kinder auf Spiel. Zu dessen Realisierung sollen sogenannte Kinderräte gewählt werden, die vor allem die Artikulation und Diskussionen von Interessen und Meinungen der Kinder untereinander ermöglichen und diese zugleich in ein dialogisches Verhältnis zu Erwachsenen setzen sollen.