Mini-München - Die Spielstadt für Kinder und Jugendliche | Doku über Mini-München
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Mini-München

Hier geht es zum Blog von Reinhard Kahl, der täglich aus und über Mini-München berichtet:

http://www.reinhardkahl.de/mini-muenchen-1/
http://www.reinhardkahl.de/mini-muenchen-2-das-ewige-kind/

„Wir bauen eine Stadt“
Ein Film über drei Wochen Mini‐München
Von Reinhard Kahl
Das berühme „Kinderlied“ von Paul Hindemith wurde von der „Neue Deutsche Welle“
Band „Palais Schaumburg“ noch berühmter gemacht: „Gibst du mir Wasser, geb´ ich dir
Sand…. Schau ich dich an… Gibst du mir Wasser, rühr ich den Kalk… Schau ich dich an… Wir
bauen eine Stadt.“
Das könnte die Titelmusik oder auch ein Motto des Films über Mini‐München sein. Kinder sind Baumeister ihrer Welt. Und sie haben durchaus Ideen für unsere gemeinsame Welt, also die Welt von Kindern und Erwachsenen, von Jugendlichen und
Senioren, von Menschen unterschiedlicher Berufe, Talente und – ja, von so diversem Genie: „Jeder Mensch ist des Jahres zumindest einmal ein Genie“, schrieb Georg Christoph Lichtenberg in eines seiner Suddelbücher.
Seit inzwischen 36 Jahren gehen an drei Wochen in den Sommerferien täglich zweitausend, zwischen 7 und 15 Jahre alte Kinder und Jugendliche in München zu einem großen Fest des eigenwilligen Lernens und vielfältiger Tätigkeiten.* Genau genommen: Es ist Fest und Alltag. Nur immer Fest wäre ja so schwer auszuhalten wie nichts als Alltag. Die Kinder kommen freiwillig. Eine Festpflicht wäre so etwas wie ein Zwangsrestaurant mit Aufesszwang. Würden sich dort, selbst bei guter Küche, nicht bald Essenstörungen ausbreiten?
Man merkt schon, hier tut sich ein weites Feld auf. Es werden Themen hinter den üblichen Themen unseres Bildungssystems berührt. Wenn man Mini‐München erlebt, geraten scheinbar unumstößliche Selbstverständlichkeiten des Schulalltags ins Wanken. Und es begegnen dem Besucher ganz andere Selbstverständlichkeiten, die üblicherweise alles andere als selbstverständlich sind. Etwa, dass wirksames Lernen zutiefst mit Tätigkeiten verbunden ist, dass also Lernen selbst eine Aktivität ist. Lernen ist eben nicht die passive Seite von Belehrung. Lernen und Tätigkeit treten überwiegend in

  • Es gibt das Rathaus und Handwerksbetriebe, Gasthaus, Universität und Bank, Müllabfuhr und Botschaften, Theater, Kino, Fernsehen…. Beim letzen Mal waren es 68 Einrichtungen. Die Kinder sind Bürgermeister und Taxifahrer, Gärtner und Hochschullehrer. Es gibt Märkte und Wahlen, Müllsammelaktionen und natürlich Feste. Das Botschaftsgebäude wird 2016 von Kindern aus Indien, Japan und europäischen Städten gestaltet. Zentral ist in diesem Jahr der Klimaschutz zum
    Beispiel mit einem Wertstoffhof und einem Forschungsinstitut. Bis zu 2.500 Kinder können an einem Tag in den Zenithhallen in München‐Freimann teilnehmen. 200 Erwachsene sind ihre Mentoren: Pädagogen, Künstler, Handwerker, Wissenschaftler, kurz: erwachsen gewordene Erwachsene. Mini‐München wurde in den 1970iger Jahren erfunden und findet seit 1986 alle
    zwei Jahre statt. Zuletzt (2014) besuchten 32.000 Kinder die Kinderstadt. 4.000 Erwachsene erhielten ein Kurzzeitvisum.
    Getragen wird das Projekt von Kultur & Spielraum e.V. München. Finanziert wird es hauptsächlich aus städtischen Mitteln, daneben auch von Sponsoren und Förderern.

Viele Kinder finden ihr Ding, so wie ein 14jähiger, der an die hundert Seiten Gesetzestext für diese Kinderrepublik geschrieben hat. Wo hat er das her? Die Kinder vertiefen sich in Themen, wenn sie etwa dem kommenden Mini‐München die Skizze für eine digitale Währung mit ausführlicher Begründung vorschlagen. Sie wechseln auch mal wieder ihre Tätigkeit oder das, was sie sich erst mal anschauen. Aber sie wechseln nicht ständig im 45‐Minutentakt. Das sind Andeutungen. Wäre der Film ein Leitartikel oder Kommentar, man müsste ihn nicht drehen. Der Film wird manche dieser Assoziationen zum Rest der Bildungswelt auslösen und wird so auch für Menschen aus unterschiedlichen Institutionen und Einrichtungen spannend und aufschlussreich sein. Er wird Menschen, die je auf ihre Weise an Bildung, Lernen und Kindern interessiert sind, berühren.
Wenn zum Beispiel Jugendliche, weil sie die Mini‐München Altersgrenze von 15 Jahren überschritten haben, sich schon vor Beginn der Sommerferien zu einer„Seniorengruppe“ zusammen schließen und beim Stadtrat ein Gastrecht beantragen und
schließlich geduldet werden, dann sagt das vielleicht mehr über die Qualität und Nachhaltigkeit der dort gemachten Erfahrungen aus, als manch aufwendige Evaluation mit Fragebögen und Tests. Oder nehmen wir Ehemalige, längst Erwachsene, die erzählen, was ihnen diese Wochen in den Schulferien, die sie nie vergessen werden, gebracht haben. Zum Beispiel für die Berufsentscheidung. Was ist das für eine tiefe Resonanz von Bildungserfahrungen! Aber eben so viel wie die Worte erzählt das Licht in den Augen der Ehemaligen und vor allem die der diesmal Teilnehmenden! Letztlich ist ja
Bildung das, was von Erfahrungen als Erinnerung bleibt. Ein Reichtum in dauernder Verwandlung, wie der Yale Computerwissenschaftler David Gelernter eindringlich gegen die Herrschaft des Maschinenparadigma in unserer Kultur geltend macht. (David Gelernter, Gezeiten des Geistes. Deutsch: Berlin 2016). Sind das nicht wirkliche Bildungsereignisse?
Dabei geht es Mini‐München gar nicht um direkt anzustrebende Lernziele und Leistungen und schon gar nicht um die herrschende Bildungswährung von Zensuren oder Credit Points. Die Sachen selbst werden wichtig. Und die Personen und die sich dabei bildende Gemeinschaften. Was in dem Mini‐München‐Kosmos entsteht, kommt eher auf indirektem Wege zustande. Wege, denen man in ängstlichen Institutionenhäufig misstraut und sie deshalb verbaut. Manche der Mini‐München Organisatoren, der Kinder, der Ehemaligen und auch der künstlerischen, pädagogischen oder durch ihre Profession ausgewiesenen Mitarbeiter wollen gar nicht mehr aufhören, über diesen Punkt zu reden, als ginge es darum hinter
dem offensichtlichen Ereignis das Geheimnis zu ergründen. Worin besteht es? ** Die Wiener Genetiker Markus Hengstschläger, (er war mit 15 in Linz ein stadtbekannter Punk und noch keine 30 jüngster Medizinprofessor im Land) Autor des in Österreich viel diskutierten Buchs „Die Durchschnittsfalle“, erzählt die Geschichte vom Solocellisten der Wiener Philharmoniker. Als Kind sollte er Klavier lernen. Aber es entwickelte sich kein Verhältnis zu dem Instrument. Dann schickten ihn seine Eltern auf eine Musikschule, in der er viele Instrumente kennenlernen konnte. Am Cello sei er dann halt hängen geblieben, sagt er. Genau darauf kommt es an: Gelegenheiten um sein Ding zu finden, etwas, an dem man hängen bleibt.

Diesem Geheimnis will der Erziehungswissenschaftler und Dokumentarfilmer Reinhard Kahl nachgehen. Er wird von der ersten bis zu letzten Minute im August dieses Jahres mit seinem Kamerateam dabei sein. Sein Interesse gilt den Mikrostrukturen des
Lernens. Es ist dem Forschen und Problemlösen viel verwandter als man es ihm gewöhnlich zubilligt. Der Film soll zeigen, wie die Kinder in einem Entdecker‐ und Tätigkeitsmilieu hellwach und ganz gegenwärtig werden. Der Film beobachtet, wie sich
Verzögerungen bei ungeklärten Fragen mit Intensität bei greifbar werdenden Lösungen abwechseln. Wie spielen Leiden und Leidenschaft zusammen, wenn es um etwas Bedeutsames geht? Welche Zeitrhythmen und Choreographien bilden sich an Aufgaben und in Kooperationen? Welche Rolle spielen die Dozenten, Experten und Künstler, also die Erwachsenen?
Die ethnografische Genauigkeit des Films und die Neugier des Filmteams sieht Reinhard Kahl allerdings vor dem weiten Horizont eines Kulturwandels in den Bildungseinrichtungen: Übergänge von einer Dominanz der Belehrung hin zum Lernen,
Erkunden und Weltaneignen. Er zitiert einen Satz des Renaissance‐Menschen Francois Rabelais: „Kinder wollen nicht wie Fässer gefüllt, sondern wie Flammen entzündet werden.“ Steht die Industriegesellschaft nicht erneut vor einer Art Renaissance? Wie vieles davon abhängt diese Chance zu ergreifen muss nicht erläutert werden. Soll der Übergang vom Fässerfüllen zum Flammenentzünden gelingen, brauchen wir Bilder von diesem Funkenflug und davon, was alles in Kindern und Jugendlichen steckt. Auf welche Haltungen kommt es an? Und worin besteht in dieser Kinderstadt die Rolle
der Erwachsenen? Margret Mead hat in ihrem Buch „Der Konflikt der Generationen“ (deutsch: Olten 1982)
das Generationenverhältnis als den Kern jeder Pädagogik ausgemacht. Unter diesem Aspekt kann man in Mini‐München einen der Schauplätze erkennen, auf denen das Generationenverhältnis umgestaltet wird. Die Erwachsen bieten den Kindern und
Jugendlichen ein großes Spektrum an Möglichkeiten. Sie laden die nächste Generation ein. Die Erwachsenen setzen den Rahmen. Sie ermöglichen das Projekt. Aber innerhalb des Rahmens lassen sie die Kinder los. Sie bieten sich als Meister ihrer Profession an. Sie verlassen eine Priestertradition, in der die Generationendifferenz einer Scheide aus Wissen und Nichtwissen entsprach und in der die Praxis als Magd der Theorie galt. In Mini‐München ist die Praxis die Königin und die Erwachsenen sind mit ihrem Können und ihrer Erfahrung die Könige. Über einen Mangel an Autorität können sie sich nicht
beklagen.
Das Projekt Mini‐München hat ein lebensweltliches, kein curriculares Referenzsystem. Es ist das Leben in der Stadt. Allerdings ist die Stadt, wie jedes Kind weiß, brüchig. Die Städte verlieren Diversität und unter dem Druck von Hyperkonsum und Rendite‐
Architektur erodiert weiter ihre Wirtlichkeit. Auch darauf versucht Mini‐München ganz implizit eine Antwort: Wenn die Stadt nur noch wenig bildet, dann kommt es darauf an die Stadt zu bilden. So würden Bildungseinrichtungen zu Bildungszentren für die
Gesellschaft. Eine neue Dialektik.Es liegt auf der Hand, dass auch ein noch so gut präsentierter „Stoff“ über die Stadt etwa
im Sozialkundeunterricht der Schule vergleichweise wirkungslos bleibt, solange keine Praxis begonnen wird. Mini‐München verlässt das Referieren über die Welt und öffnet die Welt als Erfahrung, als Umgang und als Verwandlung in und mit ihr.

Der Film soll deshalb die Impulse von Mini‐München wie Erreger einer ansteckenden Gesundheit in andere Bildungseinrichtungen tragen. Eine Fernsehausstrahlung wird ebenso angestrebt wie ein DVD‐Buch, das neben der ausführlichen Dokumentation und einer kürzeren „Seminarfassung“ auch Nahaufnahmen aus diesem einzigartigen Labor
enthält, das inzwischen in Deutschland und auch in anderen Ländern zahlreiche Nachahmer gefunden hat. Die DVD enthält außerdem Interviews mit Kinder und Erwachsenen sowie mit Ehemaligen, die über die Langzeitwirkung des Erregers
Auskunft geben können.Neben den Videos enthält das DVD‐Buch auch Texte und Fotos.Reinhard Kahl ist Autor und Regisseur zahlreicher Fernsehfilme, Kinodokumentationen und von DVD‐Büchern. Ausgezeichnet wurde er u.a. mit dem Grimme Preis, dem CIVIS Preis und dem Preis der CIVIS Jugendjury, dem Human Award und dem Vision Award.
Als besonders wirksam ist seine Dokumentation „Treibhäuser der Zukunft – Wie Schulen in Deutschland gelingen“ zu erwähnen. Sie wurde mit Unterstützung des Bundesbildungsministeriums produziert. Sie lief in zahlreichen Sendern. Von dem DVDBuch wurden an die 70 000 Exemplare vertrieben. Zuletzt schloss Kahl die Arbeiten an einer Dokumentation über den von Daniel Barenboim gegründeten Musikkindergarten Berlin ab, die Beobachtungen über 10 Jahre hinweg zeigt.
Als Rahmen für seine Filme gründete Reinhard Kahl das „Archiv der Zukunft“. Aus der starken Resonanz auf den Film „Treibhäuser der Zukunft – Wie in Deutschland Schulen gelingen“ wurde dann das gleichlautende „Netzwerk Archiv der Zukunft “ gegründet. In ihm haben sich Bildungserneuerer zusammengeschlossen. Das Netzwerk veranstaltete bisher dreimal im Festspielhaus Bregenz eine Bildungs‐Biennale sowie in und mit den Theatern, wie u.a. auch den Münchner Kammerspielen, das Format „Theater träumt Schule“.